ALCOVIT - landw. Wochenblatt, Luxemburg [2-2010]: Nie wieder Mortellaro? - Klauenhygiene mit System
28. Februar 2010
Wissenschaftliche Projektarbeit zur Klauenhygiene unter Leitung von Prof. Dr. Georg Dusel, FH Bingen, Studiengang Agrarwirtschaft.
Bei Milchkühen reichen oft Kleinigkeiten, um einen Leistungseinbruch zu bewirken. Deshalb ist es wichtig, im Stall so viele Störfaktoren wie möglich auszumerzen. Die Klauenkrankheit Mortellaro (Dermatitis digitalis) ist seit langem als großer Leistungsverminderer bekannt. Sie beeinflusst Milchkühe in Verhalten und Bewegung und kann sich dadurch negativ auf die Milchleistung und die Fruchtbarkeit der Tiere auswirken. Durch Mortellaro-Befall kann ein Betrieb einen Verlust an Milchleistung von bis zu 20 % erleiden.
Bei einer Herdengröße von 100 Kühen und einer Milchleistung von 10.000 kg / Jahr bedeutet das einen Milchverlust von 200.000 kg / Jahr. Der derzeitige Milchpreis von 0,25 € / kg bringt dem Landwirt damit einen Verlust von 50.000,- € / Jahr. Und hier sind weitere wirtschaftliche Auswirkungen, wie negative Beeinflussung der Fruchtbarkeit und Kosten für Tierarzt und Klauenpfleger nicht berücksichtigt.
Neuere Untersuchungen der FH-Bingen zeigen auf, dass 60 % aller Milchviehbetriebe mit Mortellaro infizierte Herden haben. Bis heute ist noch keine wirksame Therapie gegen Mortellaro gefunden bzw. entwickelt worden. Nachdem Kupfersulfat und Formalin administrativ verboten sind, stehen dem Landwirt keine Möglichkeiten mehr zur Verfügung, präventiv vorzubeugen.
Im Rahmen einer Projektarbeit von Christoph Zelder wurde an der FH Bingen der Einfluss eines Klauenhygienesystems auf die Klauengesundheit von Milchkühen untersucht.
Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Zelder wurde das Klauenhygienesystem der Firma devio AG aus Kaiserslautern installiert. Für die Projektarbeit wurden 25 Milchkühe aus einer Herde mit 100 Holstein Frisian zufällig ausgewählt. Von Juli 2009 bis September 2009 wurde die Klauengesundheit der Versuchstiere 14-tägig bonitiert. Bei der ersten Bonitierung wurde bei allen Klauen der vorhandene Befall photographisch und numerisch dokumentiert. Anschließend wurden Abstriche der Klauen an das Landesuntersuchungsamt Koblenz gesandt. Bei allen weiteren Bonitierungen wurden nur noch die befallenen Klauen kontrolliert.
Ergebnis:
Nach acht Wochen Testeinsatz des devio Klauenhygienesystems ist ein sichtbarer Erfolg zu erkennen. Die Mortellaro-Quote sank von 132 Bonitierungspunkten zu Beginn des Testzeitraums, auf 12 Bonitierungspunkte am Ende des Testzeitraums.
Neben dem Klauenhygienesystem, das vor dem Melkstand positioniert wurde, kam das Biozid Agilosan zum Einsatz. Agilosan ist ein Desinfektionsmittel, hergestellt auf Basis von Wasserstoffperoxid und Silber und hochwirksam gegen alle Pilze, Legionellen, Viren, Bakterien, Salmonellen und Amöben.
Bei Versuchsbeginn waren von 25 ausgewählten Versuchstieren 24 mit Mortellaro infiziert - das entspricht einer Mortellaro-Quote von 96 %. Nach der letzten Bonitierung war der Erfolg sichtbar zu erkennen. Von 25 Versuchstieren ist bei 19 kein klinisches Bild der Mortellaroerkrankung mehr festzustellen. Bei drei Tieren wurde Mortellaro-Befall aufgezeigt, allerdings in abgeschwächter klinischer Form. Drei weitere Tiere gingen in die Trockenstehphase und wurden nicht weiter beobachtet.
Die Krankheit tritt hauptsächlich in Betrieben mit Boxenlaufställen auf und kann durch den Zukauf von bereits infizierten Tieren, innerhalb von nur vier bis sechs Wochen, übertragen werden. Untersuchungen zeigen, dass Mortellaro vorwiegend an den Hinterklauen die Haut unterhalb der Afterklauen angreift. In der Ballenregion ist die Läsion vor allem in der Fesselbeuge zu finden.
Vor allem mangelnde Hygiene bei Lauf- und Liegeflächen, schlechtes Stallklima, Fütterung und Haltung und Stress für die Kühe sind Faktoren, die die Entstehung und Ausbreitung von Dermatitis digitalis begünstigen. Die Krankheit kann durch unterschiedliche Erreger (Spirochäten, Streptokokken, E-Coli und Staphylokokken) hervorgerufen werden. Mortellaro ist eine infektiöse Faktorenkrankheit, das bedeutet, dass das Klauenhygienesystem nicht als alleinige Lösung des Mortellaroproblems zu betrachten wäre. Ebenso wichtig ist der Einsatz verschiedener Reinigungstechniken, wie Schieber oder Spaltenroboter, um die Spalten von Kotresten zu säubern und trocken zu halten. Ein optimales Liegeboxenmanagement, wie Säubern und Einstreuen, ist entsprechend regelmäßig zu betreiben.
Einen großen Einfluss auf den Erfolg eines Klauenhygienesystems hat nicht zuletzt auch der Standort der Anlage im Stall. Bei einem konventionellen Fischgrätenmelkstand ist es ratsam, die Anlage in den Wartegang zu stellen, um so einen Vorwarteraum zu schaffen. Um eine optimale Wirkung des Desinfektionsmittels zu erzielen, sollte der Vorwarteraum nach jedem Melkvorgang gesäubert werden, damit die Kühe nicht wieder direkt mit den Klauen in den Kot treten und sich dadurch eine längere und bessere Anhaftung und Wirkung an der Klaue entfaltet.
Besitzt ein Milchviehbetrieb einen Melkroboter, wird dringend empfohlen, das Klauenhygienesystem an den Ausgang des Roboters zu stellen. Eine Platzierung vor dem Roboter könnte die Melkintervalle / Melkfrequenz beeinflussen und möglicherweise Einfluss auf die Milchleistung nehmen.
Lesen Sie den vollständigen Artikel, erschienen im landwirtschaftlichen Wochenblatt ALCOVIT im Februar 2010.